Seitdem die Tage länger werden und die Temperaturen nun langsam wieder steigen (für Februar zugegeben doch ganz schön früh – Klimawandel sei „Dank“), zieht es uns vermehrt nach draußen und wir nutzen die Wochenenden, um unseren Schrebergarten als kleine Rückzugsoase für die neue Saison fit zu machen.
Es ist schon seltsam: In Berlin, wo wir vor gut einem Jahr noch gewohnt haben, ist die Pacht eines solchen Gartens ungefähr genauso wahrscheinlich wie das Mieten einer bezahlbaren Wohnung, und liegt somit bei 0,01% Erfolgschancen. Unendlich lange Wartelisten und Vetternwirtschaft innerhalb der Kleingartenvereine sorgen dafür, dass den Wenigsten ein kleines Stückchen Grün in der Großstadt zuteil wird.

In den Kleinstädten, und sicherlich besonders im Osten, sieht es da ganz anders aus. Hier in Görlitz hatten wir bei unserer Ankunft die Qual der Wahl – zu viele Gärten stehen leer und verwildern, während die Datschen allmählich verrotten und in sich zusammenfallen. Urban Gardening, wie es in den Metropolen heißt, ist hier eben noch so gar nicht trendy. Kein Wunder also, dass man uns zu unserer gepachteten Parzelle noch gleich eine nebenan dazugeschenkt hat, für die wir nichts zahlen müssen. Nun haben wir rund 500m² zum Entspannen, Obst &Gemüse anbauen und einfach mal rauskommen und die Natur genießen. In Berlin heißbegehrter Luxus, hier ganz und gar gewöhnlich, um nicht zu sagen: spießig.
Denn das ostdeutsche Spießbürgertum (ich darf das sagen, bin schließlich selbst stolzer Ossi) ist in solchen Schrebergärtenvereinen noch tief verwurzelt. Da schaut man erst gar nicht von seinem zusammengeharkten Unkraut auf und grüßt, wenn jemand am Zaun vorbeigeht. Bei Mitgliedsversammlungen wird jeder minimalinnovative Vorschlag kategorisch abgewählt, und wehe man mäht nicht regelmäßig seinen Rasen, das sieht schließlich furchtbar ungepflegt aus.
Umgekehrt hat man in solchen Kolonien natürlich noch nie was von Permakultur oder gar ökologischem Gärtnern gehört. Entsprechend hat es uns ziemlich schockiert, als wir kürzlich die maroden UV-Folien im Gewächshaus entfernen wollten und prompt der ganze Boden mit herunterrieselndem Altplastik kontaminiert wurde. Mmmmh, leckere Tomaten mit Bisphenol A-Geschmack werden das!

Unabhängig davon sind wir aber trotzdem unendlich happy, dass wir dieses kleine Paradies für uns gefunden haben. Und wenn ich Rémi so beim Holz verbrennen zuschaue, fällt mir wieder auf, was für ein Exot er doch eigentlich in diesem Mikrokosmos aus grimmigen SED-Boomern ist. Nach mittlerweile gut acht Jahren Beziehung vergesse ich manchmal, dass er vom anderen Ende der Welt kommt. Aber wenn er dann Holz hackt, Feuer macht oder irgendetwas anderes Archaisches tut, fällt mir plötzlich wieder ein, dass er Franko-Kanadier ist.

Und ich schätze natürlich auch mit Blick auf Arthur, dass wir den Garten haben. Denn hier hat er, im Gegensatz zu zuhause oder der Kita, die Gelegenheit, die verschiedenen Untergründe beim Laufen oder Krabbeln zu ergründen – zumindest, sobald es warm genug ist, damit er barfuß laufen kann. Neben natürlicher Ernährung bin ich auch davon fest überzeugt, dass eine möglichst natürliche Umgebung sich ebenfalls nur positiv auf die Entwicklung eines Kindes auswirken kann. Unsere Füße werden schon früh genug in unbequeme Schuhe gepfercht, und gerade für ein muskelhypotones Kind, das erstmal eine differenzierte Fußmuskulatur ausbilden muss, um überhaupt sein Gleichgewicht zu finden, ist das natürlich sehr kontraproduktiv. Im Garten kann Arthur das Gras zwischen seinen Zehen spüren, sich mit den Fersen in frische Erde eingraben oder krabbelnd kleine Hügel erklimmen. Keine Physiotherapie-Landschaft der Welt kann ihm dasselbe Erlebnis bieten, denn die Natur hat uns ganz einfach dafür gemacht, draußen zu sein und uns dort zu bewegen.

Entsprechend sehnsüchtig schaue ich natürlich schon in Richtung Frühling und Sommer, sobald Arthur noch ungebremster im Garten auf Entdeckungstour gehen kann. Bis dahin freue ich mich einfach mit ihm, wenn er sich vorsichtig am Kompost-Zaun entlanghangelt und fröhlich „marcher“ (franz. „laufen“) brabbelt. Denn er weiß schon jetzt ganz genau, was er auf jeden Fall noch erreichen will.

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