
Nachdem ich erfuhr, dass mein Sohn Arthur höchstwahrscheinlich an einer degenerativen Muskelerkrankung litt, machte ich mich natürlich sofort auf die Suche nach Lösungen. Die Forschung hat im Bereich der Stammzellen- und Gentherapie in den letzten Jahren enorme Sprünge gemacht, und allein das gibt Anlass, optimistischer zu sein. Kinder, die heutzutage mit seltenen Gendefekten geboren werden, haben sicherlich bessere Chancen auf Heilung als jene, die noch vor 20 Jahren geboren wurden. Doch noch gibt es für viele genetische Krankheiten keine kausale Therapie. Und daher war mein erster Impuls zu fragen: Was kann ich selbst tun, bis es soweit ist? Ich wollte nicht einfach die Hände in den Schoß legen und darauf warten, dass die Wissenschaft unser Problem eines Tages lösen würde. Ich wollte selbst aktiv werden und die Weichen für Arthurs gesundheitliche Zukunft nach bestem Wissen ausrichten.
Bis mein Partner und ich erfuhren, um welche Muskelkrankheit es sich genau handelte, vergingen noch einige Wochen. Von jenem schicksalhaften Dezembertag an lief ich daher einen Monat mit der Überzeugung umher, Arthur habe die Muskeldystrophie Duchenne – schlichtweg, weil es die häufigste Form der Muskeldystrophien ist (mit einer Prävalenz von 1 Betroffenen von etwa 3.500 Neugeborenen) und weil das Internet sofort auf jene Krankheit verweist, sobald man erhöhte CK-Werte googelt. Erst Mitte Januar erfuhren wir, dass Arthur stattdessen an der sogenannten LAMA2-assoziierten Muskeldystrophie leidet.
Jede Studie ein Treffer
Dieser anfängliche Irrtum führte dazu, dass ich zu Beginn vor allem nach Studien zu Duchenne suchte, die mir rückblickend betrachtet allerdings dennoch von großem Nutzen waren (zumal es zu LAMA2 aufgrund der deutlich weniger Betroffenen bis dato kaum Forschung gibt). Denn die erste, präklinische Studie, auf die ich bei meiner Recherche stieß, war die Verabreichung eines Nahrungsergänzungsmittels an dystrophische Mäuse: dem Nährstoffmolekül Urolithin A.1
Urolithin A ist nicht anderes als ein Stoffwechselprodukt, das der Körper aus bestimmten Polyphenolen, den sogenannten Ellagitanninen, selbst herstellen kann. Ellagitannine kommen vor allem in roten Früchten vor, darunter Himbeeren oder Brombeeren, besonders allerdings in den Kernen des Granatapfels.2
In der Studie verabreichte man den kranken Mäusen hochdosiertes Urolithin A, und konnte nach einigen Wochen signifikante Verbesserungen im Bereich des Muskelabbaus, der Fibrose, der Kraft und Ausdauer und nicht zuletzt auch der Lebenserwartung feststellen. Mit bis zu 40% ließen sich diese Verbesserungen beziffern – allein durch die Gabe eines einzigen wirkungsvollen Mikronährstoffs.3
Natürlich habe ich danach nicht sofort die Kreditkarte gezückt und mir einen gigantischen Vorrat an Urolithin A nach Hause bestellt – glaubend, dass sich damit Arthurs Gesundheitsproblem in Wohlgefallen auflösen würde. Ich habe eine andere Konsequenz daraus gezogen: Wenn bereits ein natürlich vorkommender Nährstoff oder dessen Stoffwechselprodukt sich so massiv auf ein pathologisches Problem auswirken kann, dann muss es ganz einfach weitere Nährstoffe in unserer Umwelt geben, die ebenso unterstützend wirksam sind.
Also googelte ich weiter und landete meinen nächsten Treffer bei einer klinischen Studie zu Duchenne und Betaglucan. Letzteres ist ein völlig unspektakulärer Ballaststoff, der vor allem in Hafer und Gerste vorkommt. Von den NDR Ernährungsdocs wusste ich bereits, dass Betaglucan antientzündlich wirkt – konnte dieser Nährstoff vielleicht auch etwas bei entzündlichen Muskelkrankheiten ausrichten?
Ja, er konnte, wie die Studie ermittelte. Die Ergebnisse zeigten, dass Betaglucan sowohl die Entzündungsmarker bei Duchenne herabsetzte, als auch die Produktion des dringend benötigten Dystrophin (jenem Protein, das bei Duchenne fehlt) ankurbelte.4
Weitere positive Belege für die Wirksamkeit von bestimmten Mikronährstoffen fand ich dann beispielsweise noch in der Untersuchung des natürlich vorkommenden Co-Enzyms NADH im Zusammenhang mit Duchenne.5 Und es sollten noch viele weitere Studien dieser Art folgen, mit denen ich mich auseinandersetzte.
Es wurde immer eindeutiger: Jedes Mal, wenn eine Studie fand, innerhalb derer ein natürlicher Mikronährstoff in seiner Wirkung auf pathologische Prozesse getestet wurde, waren die Ergebnisse positiv. Nicht nur mit Blick auf Duchenne oder andere Muskelkrankheiten, sondern auch in ihrer Erprobung bei gänzlich anderen genetischen Krankheiten. Und dies wiederum brachte mir die Erkenntnis, dass wahrscheinlich jedes natürlich gewachsene Lebensmittel auf mikrozellulärer Ebene Wirkstoffe enthält, die physiologisch, also gesundheitsfördernd wirksam sind.
Gesundheit als natürlicher Zustand
Denn warum sollte es auch anders sein? Der Mensch ist nicht nur Produkt seiner Umwelt, er ist auch während seiner gesamten Evolution in der stetigen Wechselbeziehung mit der Natur entstanden. Wenn wir natürliche Lebensmittel konsumieren, so liefern uns diese nicht nur Energie. Sie sind gleichzeitig Bausteine unseres eigenen physiologischen Konstrukts – selbstverständlich sind sie also auch dazu bestimmt, uns gesund zu erhalten und bestimmte genetische Defizite bestmöglich zu kompensieren.
Dies erklärt unter anderem auch, warum etwa die NDR Ernährungsdocs mit ihrem Ansatz „Essen als Medizin“ seit Jahren bahnbrechende Erfolge feiern. Die in der Sendung behandelten Krankheiten wie Diabetes, Rheuma oder Fibromyalgie mögen im Laufe des Lebens ausgebrochen sein – und dennoch gibt es auch bei ihnen eine individuelle, genetische Disposition. Anders lässt es sich nicht erklären, dass manche Menschen daran erkranken und andere eben nicht. Viele Krankheiten sind also in unseren Genen angelegt, und ob, wann und in welchem Umfang sie ausbrechen, haben wir ein gutes Stück selbst in der Hand.
Zu diesem Schluss kommt im Übrigen auch die Epigenetik, also die Erforschung jener Faktoren, die über die Aktivierung oder Deaktivierung der einzelnen Genabschnitte entscheiden. Innerhalb der Epigenetik gilt es übrigens auch als gesichert, dass die Ernährung erheblichen Einfluss auf die Genexpression hat.6 Aber zu diesem Thema schreibe ich sicherlich nochmal einen ganz eigenen Artikel.
Versteht mich nicht falsch: Auf Basis all dieser gesammelten Informationen bin ich nun nicht größenwahnsinnig geworden und behaupte, jede genetische Krankheit (einschließlich die meines Sohnes) ließe sie wie per Fingerschnips mit gesunder Ernährung vollständig heilen. Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Fest steht jedoch, dass eine optimale Ernährungsweise sich auf so ziemlich jedes Krankheitsbild positiv auswirken sollte. Und ich gehe sogar noch einen Schritt weiter: Je früher man damit beginnt und umso mehr sich der Organismus noch in der Entwicklung befindet, umso mehr Handlungsspielraum hat man und umso günstiger lassen sich Verläufe und Prognosen beeinflussen.
In jedem Fall haben all diese Recherchen zu den Möglichkeiten, die sich allein aus einer gesunden und nährstoffdichten Ernährung ergeben, meine Haltung gegenüber Arthurs Krankheit, aber auch zu Krankheiten ganz allgemein, radikal verändert. Die Hoffnung, die ich nun empfinde, ist weit mehr als nur ein Fünkchen. Seitdem ich verstanden habe, wieviel ich mit einer wirklich gesunden Ernährung zu Arthurs Gesundheitszustand – und vielleicht auch zu jenem anderer Kinder -beitragen kann, brennt in mir ein Feuer. Und zwar lichterloh.
- https://www.science.org/doi/10.1126/scitranslmed.abb0319 ↩︎
- https://en.wikipedia.org/wiki/Urolithin_A ↩︎
- https://actu.epfl.ch/news/urolithin-a-shows-effective-against-muscular-dystr/ ↩︎
- https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2667242123000556 ↩︎
- https://actu.epfl.ch/news/a-vitamin-could-help-treat-duchenne-muscular-dystr/ ↩︎
- https://pan-int.org/de/the-power-of-nutrition-part-4/ ↩︎

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