2,5 Wochen haben wir unsere neue Wahlheimat Görlitz verlassen, um die französischen Bretagne und das Elsass zu bereisen. Stolze 3.400 km haben wir in dieser Zeit zurückgelegt, und zwar allesamt mit dem Zug. Während für Rémi beim Reisen in erster Linie das Entdecken einmaliger Orte Priorität hat, zählen für mich insbesondere die kulinarischen Erlebnisse. Denn ich möchte vor allem Arthur immer wieder aufs Neue klarmachen, dass gesunde Ernährung keinesfalls Verzicht bedeutet, sondern stattdessen: Genuss pur.
Und denoch muss ich diesen Text direkt mit einem kleinen Outing starten: Auf Reisen sehe auch ich mich regelmäßig gezwungen, in die Trickkiste zu greifen und Arthur hin und wieder ein Fertiggericht zu servieren. Natürlich kein klassisches Junkfood, sondern stattdessen eines dieser fertigen Bio-Babygerichte, die man abgepackt beim Drogeriemarkt erwerben kann. Da bin ich natürlich nicht sonderlich stolz drauf, aber angesichts der zahlreichen Pulver, Öle und Säfte, die wir sonst noch so für Arthur mitschleppen müssen, bleibt mir einfach keine andere Wahl. Allein für sein Powerfrühstück benötige ich sechs verschiedene Zutaten; dazu kommen dann noch sein Algenöl, Supplemente wie Vitamin D und zeitweise auch Eisen, sowie frisches Obst und Nussmus für seinen Nachmittagssnack und wahlweise auch noch Linsenwaffeln oder Haferbrot als Notfallproviant. Kein Witz: Um Arthur auch auf Reisen optimal mit wichtigen Nährstoffen versorgen zu können, schleppen wir nur für ihn jedes Mal eine eigene Kühltasche mit.
Von daher gehe ich mit mir selbst nicht allzu streng ins Gericht, wenn er ab und zu eine von diesen fertigen Bio-Mahlzeiten bekommt. Zumal am Ziel ja oftmals schon die Entschädigung wartet. Es ist kein Zufall, dass es uns für unsere Familienurlaube immer wieder nach Frankreich zieht. Die Aufenthalte dort sollen nicht nur Arthurs bilinguale Entwicklung fördern; unser französisches Nachbarland ist auch in vielerlei Hinsicht ein kulinarisches Eldorado.
Mutproben und Kostspieliges
So verbrachten wir die ersten 5 Nächte in einem kleinen Stadthaus in der Bretagne. Zugegeben, das Wetter war in der Kleinstadt Lorient zu diesem Zeitpunkt leider nicht sehr erbaulich, was viel Regen, Wind und nicht gerade frühlingshafte Temperaturen bedeutete. Aber ich war vor allem wegen dem tollen Angebot an Fisch und Meeresfrüchten gekommen und hatte eine besondere Mission ausgeheckt: Ich wollte unbedingt zusammen mit Arthur mal Muscheln probieren.

Gesagt, getan. In der örtliche Markthalle (Les Halles de Merville) wurden wir fündig. Glücklicherweise hatten wir mit Rémis bretonischem Freund und Kollegen Gaël einen hervorragenden Local Guide am Start, der für uns die Gesprächsführung mit einem der Fischhändler übernahm. Als die beiden dann genügend darüber gefachsimpelt hatten, welche Muschel die ideale Probiergröße hat, durfte ich endlich verkosten und war richtiggehend nervös. Zu häufig habe ich von Leuten gehört, die wegen der salzigen, schlabbrigen Konsistenz der Muscheln das blanke Würgen bekamen.

Und tatsächlich: Der erste Eindruck war vor allem von Salzwasser und undefinierbarer Glibbrigkeit bestimmt. Ich kaute und schluckte tapfer. Doch im Abgang schmeckte die Muschel plötzlich anders – irgendwie würzig, pikant und gar nicht schlecht.
Gaël und der Fischhändler sahen mich erwartungsvoll an. Nachdem ich meinen Geschmackseindruck geschildert hatte, lachten beide fröhlich. Ja, so müsse das sein, wurde ich bestätigt. Also kaufte ich für gerade mal zwei Euro (!) weitere vier Muscheln, die der Händler richtiggehend liebevoll auf grünem Seetang in einer Aluschale bettete, bevor er sie mir in die Hand drückte.
Zurück in der Unterkunft war es nun an Arthur, die delikaten Meeresbewohner zu verkosten. Zuerst zeichnete sich auch auf seiner Stirn recht viel Argwohn ab, als wir ihm die schlabbrigen Dinger präsentierten, doch kleingeschnitten und zusammen mit seiner Leibspeise Avocado hat er sie dann schlussendlich doch genüsslich vertilgt.

Bei einem Restaurant-Besuch an unserem letzten Abend in Lorient probierten wir dann noch ein weiteres Highlight: Hummer. Wobei man ehrlicherweise sagen muss, dass dies ein ziemlich teures Vergnügen war. 28,- Euro kostete ein halber Hummer, und an dem war wirklich nicht viel dran. Um wirlich noch das letzte bisschen Fleisch rauszuholen, bekommt man für den Verzehr sogar ein merkwürdiges Chirurgenbesteck gereicht, um damit beispielsweise die Schere oder andere schwer zugängliche Stellen auszuschaben.

Geschmacklich war dieses Meerestier natürlich einwandfrei, wobei es sich doch nicht allzu sehr von Garnelen oder anderen Krebstieren unterschied. Und diese findet man wiederum auch in Deutschland, tiefgefroren und in Bio-Qualität, in vielen Supermärkten. Garnelen kredenze ich Arthur beispielsweise sehr häufig, weil sie voller B-Vitamine, Zink, hochwertigem Eiweiß und, ebenso wie fettreicher Fisch, Omega-3-Fettsäuren stecken.
Superkäse, Supermarkt und Superlativen


Nach unserem Abschied in Lorient ging es dann noch für eine gute Woche ins Elsass, genauer in die kleine Stadt Munster (mit u, nicht ü!), woher auch der gleichnamige Munster Käse kommt. Dass dieser Käse nicht nur ausnehmend lecker schmeckt und, wie viele weitere französische Käsespezialitäten ein Produkt kulinarischer Handwerkskunst ist (wofür auch das sogenannte AOP-Siegel – Appellation d’origine protégée – in Frankreich benutzt wird), habe ich kürzlich bei Dr. Berg auf YouTube gelernt: Munster-Käse bietet sehr hohe Mengen an Vitamin K2, welches besonders wichtig für die Blutgerinnung und Knochengesundheit ist.
Neben diesem fantastischen Käse hat Frankreich aber wie gesagt einiges mehr zu bieten als Deutschland, vor allem, wenn man wie wir in der Nähe eines Super U -Supermarktes logiert. Man stelle sich eine Art Kaufland vor, allerdings mit einer gigantischen (!) Auswahl an Obst und Gemüse, einer ebenso riesigen Theke für Käsespezialitäten, Fleisch- und Wurstwaren und natürlich Fisch- und Meeresfrüchte. Leider gibt es auch in diesen Supermärkten jede Menge Süßigkeiten, Junkfood und anderes ungesundes Zeug. Aber in Anbetracht dieser schieren Menge an natürlichen, wertigen Lebensmitteln erfasst mich hinterher zuhause dann immer wieder der Wehmut, wenn ich in unserem trashigen Norma einkaufen muss, dessen Obst- und Gemüseabteilung ein einziges Trauerspiel ist.

Erinnerungen und die Flucht nach vorn
Ansonsten haben wir uns mit unserem Aufenthalt in Munster mal wieder auf altbekanntes Terrain begeben, da wir in diesem Ort (und auch in exakt derselben FeWo) zuvor schon zwei Urlaube verbracht haben. Zum ersten Mal waren wir dort über Silvester 2022/2023, nur wenige Wochen, nachdem wir erstmals von Arthurs ungewissem gesundheitlichen Schicksal erfahren haben. Da uns damals in unserer alten Wohnung in Berlin zeitgleich eine Eigenbedarfskündigung drohte (weshalb wir dann schlussendlich die Stadt verlassen haben und nach Görlitz gezogen sind), kann sich wohl jeder zusammenreimen, dass zu jenem Moment nicht gerade berauschende Zeiten hinter uns gelegen hatten. Entsprechend fühlten wir uns damals auf der Fahrt ins Elsass ein bisschen wie auf der Flucht vor einer unbarmherzigen Gegenwart, in der nichts mehr sicher schien – sei es die Gesundheit der Familie oder auch nur ein Dach über dem Kopf.
Heute weiß ich natürlich, dass wir nicht wirklich geflohen sind. Stattdessen haben wir in den folgenden 1,5 Jahren ziemlich viel gewuppt, finde ich. Wir sind umgezogen, haben einen Neuanfang in einer anderen Stadt gewagt, und wir haben die Bürde tapfer (und zugleich mit einer guten Portion Kampfgeist) angenommen, dass Arthur es im Leben wahrscheinlich nicht so leicht haben wird wie andere Kinder. Von daher hat sich dieser Urlaub nun auch nicht mehr nach Flucht angefühlt. Stattdessen konnte ich wieder auf der Terrasse unserer Ferienwohnung sitzen, meinen Blick über das Munster-Tal schweifen lassen und feststellen: Es ist schon erstaunlich, was man mit einer guten Strategie alles bewältigen kann.

Zumal ich mir immer wieder bewusst mache, wie schön unser Leben trotz der düsteren Prognose ist. Wie toll Arthur sich trotz aller Unkenrufe entwickelt und wie fröhlich und unbeschwert er dabei ist. Und wie gut und richtig es war, auf meinen eigenen Verstand zu hören und ihn mit einer optimalen Ernährung bestmöglich zu fördern. Sonst wären wir heute, 18 Monate später, sicherlich nicht da, wo wir sind.
Und in gewisser Weise hat sich in Munster für mich auch ein Kreis geschlossen, und eine tiefe Wunde beginnt langsam zu heilen. Denn es war auch genau hier, an diesem Ort, als Arthur dann während unserer Reise Ende April ein paar erste freie Schritte gelangen. Ein Moment, auf den ich so lange gewartet hatte. Und ein weiteres Signal, dass wir auf dem richtigen Weg sind.


Hinterlasse einen Kommentar